PROBERÄUME STUTTGART

Ein Hoch auf den Stuttgarter Underground! Text: Simon Steiner

Proben, üben, besser werden und auftreten, eigentlich will man als Pop-Musiker Spaß haben. Um die Bretter, die die Welt bedeuten, die kleinen und großen Bühnen zu erklimmen, muss man proben und üben. Und sich beim Proben isolieren, das war schon immer so, denn Pop ist laut! Steiner und die Bande berichten vom GBH, einer abgelegenen Bahnwärter-Kantine auf dem Stuttgarter Güterbahnhofsgelände, in der nicht nur geprobt wurde und dem Maybachkeller MBK auf dem Stuttgarter Pragsattel, wo geprobt und wilde Sessions gefeiert wurden, ohne andere zu belästigen. Beide Orte existieren nicht mehr. Überhaupt: Es gibt kaum noch Nischen, nur noch wenig Proberäume. Sie sind das Stiefkind der Kulturszene. Oder das Sorgenkind der Bands, Musiker und Künstler. Wohin, wenn abgerissen wird oder Großinvestoren übernehmen? Wenn man raus fliegt aber keinen Bock auf Straßenmusik oder Isolation per Laptop-Musik hat? Simon Steiner rollt zwei historische Orte und die gegenwärtige problematische Proberaumsituation aus dem Stuttgarter Underground auf.

1. GBH – Güterbahnhof Stuttgart – die Bahnwärter-Kantine, 1985-1998


Auf dem Güterbahnhofgelände Stuttgart, dem „Planquadrat A1“ von „S 21“, stand ca. 1 km hinter dem Stuttgarter Hauptbahnhof eine stillgelegte Bahnwärter-Kantine der Deutschen Bundesbahn. Sie war seit den 80er Jahren bis zum Abriss im Jahr 2000 Treffpunkt vieler Musiker und Künstler. Heute befindet sich auf diesem Areal, dem Pariser Platz, das Shopping-Center Milaneo und die Stadtbibliothek. „Was nördlich des Bahnhofs an der Heilbronner Straße entstanden ist, ist eine Blamage“, schrieb Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn über die Schwabenmetropole, das Europaviertel. 

In den Kellerräumen der Bahnwärter-Kantine wurde nicht nur geprobt. Dort explodierten in den 80er Jahren wilde Jam-Sessions, freie, improvisierte Musik, eine Mischung aus Blues, Rock und Jazz. Die Gründer trafen sich zuvor im Bunker unter dem Stuttgarter Wilhelmsplatz, der jetzt unsinniger Weise leer steht. Immer mehr Musiker strömten in die Bahnwärter-Kantine und entwickelten einen Mix aus Elektronik, Noise, Wave, Indie und Punk. Daraus bildete sich ein Kern namens „GBH“ – das Güterbahnhof-Kollektiv. It smells like teen spirit: Mit öffentlichen Konzerten, Atelier, Grillfeste zwischen den Bahngleisen, Spiele auf dem Kopfsteinpflaster, Ausstellungen, Performance, Discos und Partys dehnte ein bunter Haufen seine Jugend in die Länge. Der GBH avancierte zu einem Geheimtipp der Stuttgarter Underground-Szene. Der GBH war selbstverwaltet, offen und nicht-kommerziell. Gäste waren willkommen. Montags wurde aufgeräumt und freitags kam der Bierkutscher für Nachschub. Nachts wurde die Sau raus gelassen, denn wir wollten nicht warten, bis das Stück endlich sitzt.

GBH-Dokumente von damals sind Livemitschnitte auf Kassetten und die CD „ABGERISSEN“, thematische Kassetten, Ausstellungen, Wandmalereien, Fotokunst und Installationen, Happenings zum Thema S 21, Filme, eine Dokumentation und ein verrücktes Fanzine.

Viele Jahre trafen sich Mitglieder des früheren Güterbahnhof-Kollektivs „GBH“ auf Demonstrationen gegen Stuttgart 21. Der Großteil des GBH-Kollektivs ist bis heute kulturell aktiv. Ein Teil der Musiker und Künstler trifft sich seit 1999 zu Sessions und Proben auf der Stuttgarter Prag im Maybach-Keller MBK, dem direkten und aufgefrischten Underground-Nachfolger von GBH Stuttgart. GBH und MBK können als hedonistische Spielwiese, als Bastion gegen Hochkultur und Vorliebe für Stuttgarter Subkultur gesehen werden. Rausch und Ekstase, Anarchie, Chaos, Dilettantismus und Protest schwangen immer mit. Montags wurde aufgeräumt und der Müll getrennt. Als die Kantine abgerissen wurde fühlten wir uns betrogen, stritten und kämpften oder drehten uns weg. Es wurde ja noch viel mehr abgerissen und wir waren scheinbar nur ein paar Hansel.

2. MBK- Maybachkeller, Stuttgart Feuerbach, 1998-2000

Ein Meer aus Trümmer, zerborstenem Holz, zerrissene Stromleisten, eingefallenen Trennwänden, zerbrochene Mauern, Teppichbodenfetzen und ausgehängten Türen breitete sich vor mir aus. Am Tag als die Entkernung „unseres“ Hauses in der Maybachstraße entkernt wurde. Unser Paradies, in dem wir 20 Jahre probten und wilde Sessions im Keller eines Software-Hauses feierten. Der Untergang, dachte ich mir. Aber es wird weiter gehen, bis wir zusammen klappen. Nachts legten wir alle Hemmungen und tagesgeschäftliche Zwänge ab und droschen drauf los, rauchten, tranken Unmengen Bier. Nach Mitternacht improvisierten wir uns in einen dionysischen Rausch. Peter Haury zeichnete mit schwarzem Edding auf weißes Papier, als Staffelei diente eine Kühlschranktür. Musikalisch gesehen waren wir ewig lang Mainstream. Ein langer Weg war das, bis wir uns von den üblichen Blues – und Rock Strukturen befreiten. Wir zerstörten gängige Melodien, Akkordfolgen und Beats. Hat wohl was damit zu tun, dass wir Noise, also Geräuschmusik, Neue/Freie Musik oder Freejazz hörten oder Altes und immer Gleiches satt hatten. Wir verließen den Vierertakt, wirbelten furios herum, der Bass raste Straßen entlang, Posaune, Klarinette und Saxofon stotterten und röhrten, die Gitarristen hackten Stakkato, die Synthesizer – und Klaviertasten wurden durch geschüttelt, alles geriet durcheinander, ein kaputter Mix. Alé streute Hörtupfer aus alten Kassetten, Platten und Kurzwellenradio ein, Schnipsel, Bruchstücke, Chaos aber auch sphärische Soundteppiche, Wolken, Platz für alles, auf einer 150 qm großen Klangwiese. Irgendwelche Sprach – und Wortfetzen, Dada, Gemurmel, Schreie. Bluesiges „oh baby baby“ oder Sprechgesang waren ein „no go“. Overheadprojektionen, Dias, Filme, ein Mirrorball und Lichterketten beleuchteten ungewöhnliche Klangräume. Keine feste Besetzung, die Instrumente wurden durchgereicht. Freitags saßen Gäste auf der Couch und stiegen ein.

Wir dämpften die Schächte, obwohl das nagelneue weiße Maybach Quartier, eine steril wirkende Wohnanlage, die uns umzingelte wie ausgestorben wirkte. Auch vom Messe-Hotel nebenan kam keine Beschwerde. Unter der Woche, wenn die Sehnsucht stieg, beweihräucherten wir uns. Wir schrieben uns fantasy-storys über die letzte Session, bastelten an Remixes und mailten uns Kochrezepte, hörten unser MBK-Radio auf unserer homepage oder politisierten gegen S 21.

Nicht, dass wir uns nur verschanzten, wir spielten in den Waggons am Nordbahnhof, auf dem Stuttgarter TROGLOBATEM Festival oder vertonten Stummfilme für den Stuttgarter Filmwinter. Im Kunstmuseum wirkten wir bei der Nice Noise Ausstellung 2015 mit. Zuletzt besetzten wir das komplette Haus und schmückten alle Räume, bauten Installationen auf, zeigten Tanz-Performance, freie Improvisationen, luden Musiker ein, die Gäste strömten. Mundpropaganda, ein paar private e-mails, es sprach sich herum.

Wir bildeten Sub-Projekte: Dub, Rembetiko, Mineralwässer-Klänge, Free flow Jazz, New Age, Debatten, Experimente – alles war möglich. Ein visuelles Projekt waren die Panoramarecordings von Rainer Ecke, die in einer Fotoausstellung im XLab in Bad Cannstatt während der Langen Nacht der Museen zu sehen waren. Wir malten Comics, schrieben Fanzines, entwarfen Collagen, ein Kosmos – entstand. Und verschwand.

Jetzt zogen wir aus, das ehemalige Software Haus wird entkernt, aus den alten Büroräumen entstehen Boarding Rooms für Reiche. Der Investor versprach uns Ersatz und ließ uns fallen wie eine heiße Kartoffel. Buh! Das war‘ s dann, nach 20 Jahren Ekstase. Jetzt trocknen wir zuhaus unser Geschirr mit MBK-Küchenhandtücher und dichten mit dem MBK-Sprachautomat.

3. Problematische Proberaumsituation in Stuttgart

Proberäume? Irgendwo noch ein Schlupfwinkel? Für die laute, qualmende Bande? Die allerletzten Nischen sind verschwunden. Jeder Quadratmeter der Schwaben-Metropole ist umkämpft. Die Groß-Investoren setzen sich durch. Arm-Reich-Schere, akute Wohnungsnot und hohe Mieten verhindern Orte, an denen uneingeschränkt Musik und Kultur entstehen könnten. Die wilde Zeit der besetzten Häuser und stillgelegten Waggons, in denen noch geprobt werden konnte ist vorbei. Schulen und Kirchen, die früher ihre Keller öffneten, fürchten sich vor Qualm und Lärm. Ganztagesschulen benötigen selbst jeden Quadratmeter. Alte Erinnerungen werden wach, 70er, 80er: Die Bands probten in alten, feuchten Gewölbekeller in romantischen Jugendstil-Häuser, einst ausgestattet mit Heizlüfter, Eierkartons, Vorhängen und alten Teppichen. Jetzt ruht dort exzellenter Wein.

Heutzutage quetschen sich die Musiker in Bunker – wie am Marienplatz oder im Eiernest und der Schreiberstraße. Der Bunker am Wilhelmsplatz, Probe-Hochburg in den 80er Jahren, bietet laut Baubürgermeister Peter Pätzold keinen zweiten Fluchtweg, die Kabel sind marode. Die Stadt, zuständig wäre das Liegenschaftsamt, juckt das nicht, kein Interesse, diese ideale Möglichkeit instand zu setzen. Die Bürgerinitiative Diakonissen-Bunker um Klaus-Peter Grassnick möchte zukünftig Ausstellungsräume und eine Kulturbühne schaffen, auch Proberäume, aber irgendwie wirkt das eingeschlafen. Proben in Jugendzentren, wie z.B. in einzelnen Stuttgarter Jugendhäuser sind die Ausnahme. Bands flüchten aus der Stadt. Die HELMUT COOL BAND und viele andere zogen nach Ludwigsburg in die Baracks, ein paar Bands fahren zum Üben nach Remseck. Mancher findet ein Lager in einem entfernten Industriegebiet, wobei Lagerflächen meist für Eigenbedarf benötigt werden. Fabrikkeller in Fellbach und Waiblingen sind entfernte Auswege. Bands, die über die Landesgrenzen hinaus für Aufmerksamkeit sorgen, sind trotz ihrer Erfolge Proberaum-Nomaden. Die Band DIE NERVEN üben mittlerweile in Berlin. Das Proberaumzentrum in Weilimdorf wurde verkauft und hat alle Bands vor die Tür gesetzt. Die Proberaumsituation im Industriegebiet in Stuttgart-Wangen ist ungeklärt, die Preise schießen in die Höhe. Aktuell hat zumindest eine Band wieder Platz gefunden.

Wer auf dem Gelände CONTAIN ‚T im Inneren Nordbahnhof ausnahmsweise und vorübergehend eine kleine Fläche gefunden hat, darf sich glücklich schätzen. Aber auch dort gibt es laut Moritz Finkbeiner Probleme, denn Bands sind halt laut! In Kooperation mit der Initiative STADTLÜCKEN zeichnet sich eine Zweigstelle von CONTAINT ‚T unter der Paulinenbrücke ab und die Idee, auf dem Österreichischen Platz und dem vom Gemeinderat bewilligten „Kooperativen Stadtraum“ auch Probeorte anzubieten, ist in der Diskussion. Probe-on-demand ist der letzte Schrei: Proberäume und Equipment gezielt und nach Bedarf für bestimmte Zeitslots buchen, flexibel bleiben und nur für wirklich benötigte Proberaumzeiten mieten. Wer will das schon? Kulturelle Zwischennutzungen, groß angekündigt zB auf dem IBM Campus in Vaihingen sind immer nur von kurzer Dauer! Dort Proberäume zu schaffen wird seit 3 Jahren verschlafen. Überhaupt: Das Gefühl, gemeinsam eine Band oder Session-Gruppe auf Dauer verbindlich zu entwickeln, kann bei befristeten Zwischennutzungen oder kurzfristigen Proberaumbeteiligungen bzw. sharing nicht entstehen.

In der AGENDA ROSENSTEIN setzt sich die Partei DIE STADTISTEN für soziale und kulturelle Initiativen im Rosenstein-Areal ein. Ein Lichtblick könnte die „Maker City“ werden. Dazu gehören neben Galerien, Clubs, Ateliers, Werkstätten für die freie Kunst- und Kulturszene, selbst geführten Läden, Kneipen und fairem Wohnraum auch Proberäume. Verschiedene Künstler üben in ihren Ateliers bei den Wagenhallen. Oft fliegen Bands aus Räumlichkeiten raus, weil Fitnessstudios, ein Imbiss oder Fotostudios mehr bezahlen. CHLOROPLAST STUTTGART, ein eingetragener Verein für Urban Gardening und Kulturförderung auf dem Weilimdorfer Walz-Areal will Übungsräume schaffen aber hat dafür von der Stadt noch kein grünes Licht bekommen. Eine prima Idee: Der temporäre Probetreff, das Übehaus am Wilhelmsplatz, aus einer Holzkonstruktion gestapelt, ist mobil aber zu klein und eher zum Singen, Klimpern und Flöten. Leider keine Heimat für Bands über Zimmerlautstärke. Aber nur a bissle.

Die Ausrüstung einer Band ist manchmal digitaler und damit auch übersichtlicher geworden aber die Ansprüche steigen: Musik ist das eine, oft kommen künstlerische Interessen dazu: Foto, Licht, Visuals, Installationen, Performance und Kooperationen mit Galerien und Theater. Dazu wünschen sich Musiker und Künstler Ateliers mit Strom, Frischluftzufuhr, fließend Wasser und Toiletten aber keinen muffigen Bunker oder Keller.

Der Proberaum-Fantasie sind keine Grenzen gesetzt:

Schrebergärten-Hütten, Container, Wohnwägen, Vereinsheime, Garagen, Keller in Unis oder ein Bauernhof auf dem Land wären sicherlich Ausnahme aber warum nicht? Tiefgaragen gibt es in der Autostadt wie Sand am Meer. Eine einzige Tiefgarage entspricht 20 Proberäume. Öffentliche Gebäude, die abends geschlossen sind, könnten für Bands geöffnet werden. Keine Lösung aber ein Ausweg: Musiker spielen auf Laptops, posten sich mp3 Musikdateien zu und spielen im Ping-Pong-Verfahren miteinander hin und her. Gerade jetzt in Zeiten der Isolation. Eine priviligierte Ausnahme sind teure Studios, in denen man sich vorsichtig verhalten muss. Aber als reiner Proberaum nicht wirklich angemessen.

Walter Ercolino vom Pop-Büro Stuttgart wünscht sich eine Evaluation: „Eigentich brauchen wir Zahlen, wieviele Musiker suchen, wer hat etwas gefunden, was ist vorhanden.“ Denn dann hat man Zahlen und kann sie konkret im Städtischen Ausschuss für Kultur und Medien, dem er angehört vortragen.

Alle Musiker und Künstler brauchen Unterstützung. Der Underground will sich nicht im Untergrund verstecken. Subkultur can never die! Keine Abschiebung, kein Verschwinden. Da es keine unkontrollierten Nischen mehr gibt, ist städtische Unterstützung wünschenswert und aus der SIcht der Musiker und Künstler dringend notwendig. Schließlich bilden Musiker und Künstler keine von der bürgerlichen Norm abweichende Gegenkultur. Das Anarchische und Kaputte ist vorbei. Alte und Junge agieren nicht gesellschaftsverändernd, sie sind in der Regel eher hedonistisch und angepasst. Vortritt sollte die alte Musiker-Riege den jungen Bands lassen. Die meisten Musiker stehen in bürgerlichen Berufen oder Ausbildung und bekommen für ihre Liveauftritte kleine Gagen, wenn überhaupt. Musik ist purer Idealismus und Lebensfreude. Ein selbstverwaltetes Haus am Neckar, für Sessions und Proben, warum nicht? Geld ist scheinbar da, siehe Oper und die mit 35 Millionen bezuschussten Wagenhallen. Ohne Underground gibt es keine gewachsene Hochkultur, denn die meisten kreative Impulse kommen aus Subkulturen.



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