GBH und MBK STUTTGART

Ein Hoch auf den Stuttgarter Underground! Text: Simon Steiner

1. GBH – Güterbahnhof Stuttgart – die Bahnwärter-Kantine, 1985-1998


Auf dem Güterbahnhofgelände Stuttgart, dem „Planquadrat A1“ von „S 21“, stand ca. 1 km hinter dem Stuttgarter Hauptbahnhof eine stillgelegte Bahnwärter-Kantine der Deutschen Bundesbahn. Sie war seit den 80er Jahren bis zum Abriss im Jahr 2000 Treffpunkt vieler Musiker und Künstler. Heute befindet sich auf diesem Areal, dem Pariser Platz, das Shopping-Center Milaneo und die Stadtbibliothek. „Was nördlich des Bahnhofs an der Heilbronner Straße entstanden ist, ist eine Blamage“, schrieb Stuttgarts Oberbürgermeister Fritz Kuhn über die Schwabenmetropole, das Europaviertel. 

In den Kellerräumen der Bahnwärter-Kantine wurde nicht nur geprobt. Dort explodierten in den 80er Jahren wilde Jam-Sessions, freie, improvisierte Musik, eine Mischung aus Blues, Rock und Jazz. Die Gründer trafen sich zuvor im Bunker unter dem Stuttgarter Wilhelmsplatz, der jetzt unsinniger Weise leer steht. Immer mehr Musiker strömten in die Bahnwärter-Kantine und entwickelten einen Mix aus Elektronik, Noise, Wave, Indie und Punk. Daraus bildete sich ein Kern namens „GBH“ – das Güterbahnhof-Kollektiv. It smells like teen spirit: Mit öffentlichen Konzerten, Atelier, Grillfeste zwischen den Bahngleisen, Spiele auf dem Kopfsteinpflaster, Ausstellungen, Performance, Discos und Partys dehnte ein bunter Haufen seine Jugend in die Länge. Der GBH avancierte zu einem Geheimtipp der Stuttgarter Underground-Szene. Der GBH war selbstverwaltet, offen und nicht-kommerziell. Gäste waren willkommen. Montags wurde aufgeräumt und freitags kam der Bierkutscher für Nachschub. Nachts wurde die Sau raus gelassen, denn wir wollten nicht warten, bis das Stück endlich sitzt.

GBH-Dokumente von damals sind Livemitschnitte auf Kassetten und die CD „ABGERISSEN“, thematische Kassetten, Ausstellungen, Wandmalereien, Fotokunst und Installationen, Happenings zum Thema S 21, Filme, eine Dokumentation und ein verrücktes Fanzine.

Viele Jahre trafen sich Mitglieder des früheren Güterbahnhof-Kollektivs „GBH“ auf Demonstrationen gegen Stuttgart 21. Der Großteil des GBH-Kollektivs ist bis heute kulturell aktiv. Ein Teil der Musiker und Künstler trifft sich seit 1999 zu Sessions und Proben auf der Stuttgarter Prag im Maybach-Keller MBK, dem direkten und aufgefrischten Underground-Nachfolger von GBH Stuttgart. GBH und MBK können als hedonistische Spielwiese, als Bastion gegen Hochkultur und Vorliebe für Stuttgarter Subkultur gesehen werden. Rausch und Ekstase, Anarchie, Chaos, Dilettantismus und Protest schwangen immer mit. Montags wurde aufgeräumt und der Müll getrennt. Als die Kantine abgerissen wurde fühlten wir uns betrogen, stritten und kämpften oder drehten uns weg. Es wurde ja noch viel mehr abgerissen und wir waren scheinbar nur ein paar Hansel.

2. MBK- Maybachkeller, Stuttgart Feuerbach, 1998-2000

Ein Meer aus Trümmer, zerborstenem Holz, zerrissene Stromleisten, eingefallenen Trennwänden, zerbrochene Mauern, Teppichbodenfetzen und ausgehängten Türen breitete sich vor mir aus. Am Tag als die Entkernung „unseres“ Hauses in der Maybachstraße entkernt wurde. Unser Paradies, in dem wir 20 Jahre probten und wilde Sessions im Keller eines Software-Hauses feierten. Der Untergang, dachte ich mir. Aber es wird weiter gehen, bis wir zusammen klappen. Nachts legten wir alle Hemmungen und tagesgeschäftliche Zwänge ab und droschen drauf los, rauchten, tranken Unmengen Bier. Nach Mitternacht improvisierten wir uns in einen dionysischen Rausch. Peter Haury zeichnete mit schwarzem Edding auf weißes Papier, als Staffelei diente eine Kühlschranktür. Musikalisch gesehen waren wir ewig lang Mainstream. Ein langer Weg war das, bis wir uns von den üblichen Blues – und Rock Strukturen befreiten. Wir zerstörten gängige Melodien, Akkordfolgen und Beats. Hat wohl was damit zu tun, dass wir Noise, also Geräuschmusik, Neue/Freie Musik oder Freejazz hörten oder Altes und immer Gleiches satt hatten. Wir verließen den Vierertakt, wirbelten furios herum, der Bass raste Straßen entlang, Posaune, Klarinette und Saxofon stotterten und röhrten, die Gitarristen hackten Stakkato, die Synthesizer – und Klaviertasten wurden durch geschüttelt, alles geriet durcheinander, ein kaputter Mix. Alé streute Hörtupfer aus alten Kassetten, Platten und Kurzwellenradio ein, Schnipsel, Bruchstücke, Chaos aber auch sphärische Soundteppiche, Wolken, Platz für alles, auf einer 150 qm großen Klangwiese. Irgendwelche Sprach – und Wortfetzen, Dada, Gemurmel, Schreie. Bluesiges „oh baby baby“ oder Sprechgesang waren ein „no go“. Overheadprojektionen, Dias, Filme, ein Mirrorball und Lichterketten beleuchteten ungewöhnliche Klangräume. Keine feste Besetzung, die Instrumente wurden durchgereicht. Freitags saßen Gäste auf der Couch und stiegen ein.

Wir dämpften die Schächte, obwohl das nagelneue weiße Maybach Quartier, eine steril wirkende Wohnanlage, die uns umzingelte wie ausgestorben wirkte. Auch vom Messe-Hotel nebenan kam keine Beschwerde. Unter der Woche, wenn die Sehnsucht stieg, beweihräucherten wir uns. Wir schrieben uns fantasy-storys über die letzte Session, bastelten an Remixes und mailten uns Kochrezepte, hörten unser MBK-Radio auf unserer homepage oder politisierten gegen S 21.

Nicht, dass wir uns nur verschanzten, wir spielten in den Waggons am Nordbahnhof, auf dem Stuttgarter TROGLOBATEM Festival oder vertonten Stummfilme für den Stuttgarter Filmwinter. Im Kunstmuseum wirkten wir bei der Nice Noise Ausstellung 2015 mit. Zuletzt besetzten wir das komplette Haus und schmückten alle Räume, bauten Installationen auf, zeigten Tanz-Performance, freie Improvisationen, luden Musiker ein, die Gäste strömten. Mundpropaganda, ein paar private e-mails, es sprach sich herum.

Wir bildeten Sub-Projekte: Dub, Rembetiko, Mineralwässer-Klänge, Free flow Jazz, New Age, Debatten, Experimente – alles war möglich. Ein visuelles Projekt waren die Panoramarecordings von Rainer Ecke, die in einer Fotoausstellung im XLab in Bad Cannstatt während der Langen Nacht der Museen zu sehen waren. Wir malten Comics, schrieben Fanzines, entwarfen Collagen, ein Kosmos – entstand. Und verschwand.

Jetzt zogen wir aus, das ehemalige Software Haus wird entkernt, aus den alten Büroräumen entstehen Boarding Rooms für Reiche. Der Investor versprach uns Ersatz und ließ uns fallen wie eine heiße Kartoffel. Buh! Das war‘ s dann, nach 20 Jahren Ekstase. Jetzt trocknen wir zuhaus unser Geschirr mit MBK-Küchenhandtücher und dichten mit dem MBK-Sprachautomat.

3. Drei Nachfolge – Projekte MBK (GBH) befinden sich in Bad Cannstatt und in der BB 245

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